JAZZ / Matthias Danecks Combo stellt im KKF in Gmünd ihre neue CD vor

 

Das "Narrenschiff" geht vor Anker

 

Literatur und Jazz können eine anstrengende Mischung sein. Holzschnitte von Albrecht Dürer machten die Runde. Sie illustrierten menschliche Schwächen und Narrheiten aus Sebastian Brandts "Narrenschiff". Die Moralsatire des Straßburger Juristen, die es um 1500 zum Bestseller gebracht hatte, diente Matthias Daneck und seiner Combo im KKF in Schwäbisch Gmünd als Inspiration zur klanglichen Interpretation der angeprangerten Laster.

 

Der Bandleader und Komponist des ambitionierten Narrenschiff-Projekts, der Freiburger Matthias Daneck, führte die Jazzfans in die mittelalterliche Welt der menschlichen Torheiten ein. Mit einem Pils in der Hand konnte man der Szene vom "Saufen und Fressen" vergnügt lauschen. Akustisch wurde nachgezeichnet, wie der Heimweg nach dem 7. Pils aus der KKF-Kneipe verlaufen könnte. Harte Rhythmusschläge begleiten den schwankenden Gang des Besoffenen. Bass und Gitarre lassen ihn schwerfällig torkeln. Schübe vom Saxophon drängen den Unsicheren im Zickzackkurs erst in die eine, dann in die andere Richtung. Meisterlich und witzig interpretiert von den Instrumenten.
Dem "Eigensinn" war das nächste Bild gewidmet. Das Quartett übte sich in disharmonischen wilden Tönen. Die Gitarre von Norbert Scholly gab schräge Laute von sich. Wie ein trotziges Kind wiederholte das Saxophon des zweiten Kölners Matthias Erlewein sein obstinates Ansinnen. "Verführung". Langsam und einschmeichelnd begann das Saxophon. Die anderen Instrumente stimmten in den verführerischen Tonfall ein. Der Besen streichelte, der Bass mit dem Münchner Henning Sieverts zupfte die Töne, die sich zu einer kleinen betörenden Melodie aneinander reihten. Beim Thema "Tanzen" brachte der Frontmann das Schlagzeug mit schnellen Rhythmen in Fahrt. Der Bass stampfte den Takt des hippen Discodances. Von "Trägheit und Faulheit" kündeten die maulfaulen Töne und einzeln gesetzten Akkorde. Der Bass schrubbte in tiefen Lagen herum wie ein Tonbandgerät, dem der Saft ausgeht. Menschliche Geräusche wie von einem ironischen Zuhörer frech dazwischen gerufen, entrangen sich dem Saxophon. Die "Spötterei" erzählte Spottverse, dass man hätte glauben können, sie kämen von Kindern auf der Straße. Die Hörgewohnheiten wurden allerdings schon etwas auf den Prüfstand gestellt.
Die missionarische Programmmusik aus dem "Narrenschiff" zur Promotion der gleichnamigen CD war mit dem ersten Teil beendet. Nach der Pause ging's weiter mit lyrischen Stimmungsbildern und leise-knisterndem Schmusejazz. Missionieren lässt man sich halt, auch wenn's bei der "Jazz:Mission" ist, nur widerstrebend. Die stark Dialekt gefärbte literarische Vorlage erschloss sich den Zuhörern nicht unmittelbar in ihrer satirischen Qualität, die musikalische Umsetzung schon eher.
wid

© Gmünder Tagespost 9.3.2004