JAZZ IM KKF
Mit Weckert kam das Chaos
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aus dem Chaos heraus. Und das Chaos, das noch übrig war, das muss Gott Sandra Weckert eingepflanzt haben. Darum kann sie ihre Formation jetzt auch so schön biblisch bluesig inspiriert "Lo&Behold" nennen. Komm und staune, grob übersetzt. Und man kam und staunte bei der "Jazz:Mission" im KKF in Schwäbisch Gmünd.

Es blieb einem gar nichts anderes übrig. Denn kontrolliert regierte das Chaos auf der Bühne. Das soll Jazz sein? Es dauerte gar nicht lange, da hatte einem die Kabarettistin des Jazz klargemacht, was sie von klassischen Erwartungshaltungen hält. Genau genommen trat sie mit Anlauf der Tradition in die verknöcherten Eingeweide. Da kennt das vorlaute Temperamentsbündel (Saxophon und Gesang) mit ihren musikalischen Weggefährten Peer Neumann (piano), Tomas Svensson (drums) und Martin Klein (Kontrabass) aber auch gar keine Kompromisse.
So ein Kompromiss wäre beispielsweise, sich auf einen Stil zu einigen. Da denken "Lo&Behold", die vormaligen "Exotic Fruits" überhaupt nicht dran. Fast wäre man geneigt, ihnen das verpönte Crossover als Stil anzuhängen, aber selbst diese Schublade dürfte wohl kaum geräumig genug sein für die Multimusiker, die sich in Pop und Swing und sämtlichen Spielarten von Jazz und prinzipiell von Musik suhlen wie die sprichwörtlichen Ferkel im Schlamm.
Aber man muss klar betonen, dieses Quartett weiß, wie man die ertragreichsten Pfützen ausfindig macht und ihre Technik in Wälzen ist allererste Jazzsahne. Nur Sahne mit Schuss eben. Da widmet Sandra Weckert doch tatsächlich der für sie fleischgewordenen "Marionette des Bösen" ein Liebeslied, swingend und frisch und freundlich, mit dem wohlklingenden Titel "Lovesong for George W. Bush". Dazu braucht es Mut, keine Frage, und eine gehörige Portion Humor, die die Frontfrau in der Musikindustrie und man möchte fast meinen, in der gesamten Menschheit, rasend vermisst.
So aber grinst sie spitzbübisch in das von Rauchschwaden umwölkte Menschengedränge zu ihren Füßen und singt und redet - und man konnte wirklich nicht auf Anhieb sagen, kann sie jetzt singen oder kann sie es nicht, so haarsträubend schräg war das Ergebnis. Aber allein schon, wenn sich diese Frage stellt, kann man eigentlich davon ausgehen: Besagte Schrägheit ist neben Ergebnis auch Erstrebnis und nur wer singen kann, kann singen, als könnte er es nicht.
Und so schubladlert sie sich mit ihrem Saxophon liebevoll durch "Ich liebe Bayern", pfeift sich unschuldig durch "Never trust a lawyer" und stockt einen Song noch mit einem einheimischen Schlagzeuger auf, mit Aron Werner, der einen dann im Zeitraffer durch orientalisch anmutende Komplexitäten treibt.
Vivien Moskaliuk