Frei tragende Brücke zwischen Nostalgie und Novität
 
Seit 32 Jahren gilt das "Willem Breuker Kollektif" als das Synonym für spannungsgeladenen, mutigen und außergewöhnlichen Jazz voller Ironie und Clownereien. Im Gmünder "Prediger" bewiesen die Holländer, dass Vitalität, Virtuosität und Torheit nichts mit dem Alter zu tun haben. Als Vorgruppe trat das "Reinhold Uhl Organ Trio" auf.

VON ANDREA KOMBARTZKY

Mit einem Mix aus cremig-lasziven und temperamentvollen Stücken eröffnete das Trio um Reinhold Uhl den Abend der "Jazz:Mission". Der Saxophonist Reinhold Uhl stammt aus Lindach, und Organist Niccolo Cattaneo reiste gar extra aus Mailand an. Mit Obi Jenne am Schlagzeug heizten sie zunächst mit schnellen und flotten Rhythmen ein, um später mit relaxten und sanften Tönen den Kreis zu schließen. Ihre Stücke waren teils selbst komponiert, und trugen Titel wie "Walz for the doctors" oder "Gummischläuche". Das Publikum war eingestimmt, wollte mehr. Und wurde nicht enttäuscht. Die Musik des "Willem Breuker Kollektifs" aus Amsterdam scheint mit den Jahren immer kraftvoller, wilder und gleichzeitig hörenswerter zu werden. Selbst die zehnköpfige Zusammensetzung ist bis auf zwei Positionen unverändert geblieben: Marten van Norden, Saxophon, Boy Raaymakers, Trompete, Andy Altenfelder, ebenfalls Trompete, Andy Bruce, Posaune, Bernhard Hunnekink, Posaune und Tuba, Arjen Gorter, Kontrabass, Henk de Jonge, Klavier, Rob Verdurmen, Schlagzeug und die einzige Frau in der Gruppe: Hermine Deurloo, Saxophon und Mundharmonika.
Nur der Kopf des "Kollektifs", Willem Breuker, kam ein wenig gebrechlich auf die Bühne. Doch als er seine Klarinette in die Hand nahm, schien die Kraft schlagartig in seinen Körper zurückzukehren. Das energiegeladene Spiel konnte beginnen, die Anarchie im Jazz wieder ausbrechen. Schon während des ersten Solos des Saxophonisten van Norden hing das Publikum im vollen "Prediger" gebannt an seinem Instrument, und wie ein Beschwörer konnte er mit ihm machen, was er wollte. Und genau dies taten die zehn Individualisten auf der Bühne während des gesamten Auftritts: Sie machten, was ihnen gefiel. Ein Wechsel voll wilder Schönheit zwischen sämtlichen Genres, ein Beinahe-Chaos aus Komponiertem, spontan Improvisiertem und humoristischen Einlagen machen den Jahrzehnte währenden Zauber dieser Gruppe aus. Jeder einzelne stand mal im Mittelpunkt des Geschehens, die anderen ließen ihm respektvoll den Vortritt. Dass die Experimentierfreude doch nie im völligen Chaos versank, dafür sorgte der Maestro, der die musikalischen Fäden immer wieder zu einem harmonischen Gesamten bündelte. Für den hauptsächlich aus Blasinstrumenten bestehenden Klangkörper bedienten sie sich aus nahezu jeder Musikrichtung: ein Trauermarsch fand hier ebenso seinen Platz, wie Tangosequenzen, Free-Jazz-Elemente oder Jazzstandards.
Am Ende lief Breuker zu Höchstform auf. Er entlockte seinem Fagott Töne, die man nie für möglich gehalten hätte, und schnippte nebenbei lässig mit, um danach kokett wie ein junges Mädchen singend mit dem Publikum zu flirten. Im Hintergrund hüpften, alberten und tanzten die gestandenen, leicht angegrauten Musiker wie ein Sack freigelassener Flöhe. Dem Publikum gefiel es. Erst nach einer dritten Zugabe in Form eines weich-wiegenden Schlafliedes ließ es die Musiker von der Bühne.