JAZZ:MISSION
Musikalisches Quecksilber
 
Das Jazzkonzert am Sonntag im KKF in Gmünd war ein einziges langes Gitarrensolo. Ein bisschen ungewöhnlich war das ja schon, erstmal. Andreas Willers stand allein auf der Bühne. Aber schnell wurde klar: Diese Gitarre reicht völlig aus!

Man brauchte ein wenig Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Im ersten Moment wusste man nicht so recht, stimmt er noch oder spielt er schon. Aber dann! Es war etwas, das sich da herausentwickelte aus dieser einen Gitarre, etwas, das einen komplett vergessen machte, dass man keinem Ensemble gegenüber saß, weil es so vielfältig war und so agil, was der schlaksige Berliner da auf der kleinen Bühne gebar.
Manchmal ließ er seine Gitarre erzählen, erzählte von Größen wie Thelonius Monk ebenso wie von sich selbst, manchmal aber trat er tatsächlich mit sich in einen Dialog, sampelte sich selbst und führte widersinnigerweise Gespräche mit seiner eigenen Vergangenheit, die eben noch als komplexe Improvisation im Raum stand.
Man kann sich den unauffälligen Mann im gestreiften Hemd wie musikalisches Quecksilber vorstellen. Da baut er Atmosphäre auf, schimmernd und silbrig, und im nächsten Moment, puff, durchschneidet er mit schrägen Tönen und lautstarker Kakophonie den glänzenden Vorhang, nur um ihn gleich darauf wieder zu erschaffen, als wäre nichts geschehen. Er hypnotisierte sein unverdientermaßen kleines Publikum mit einem Wechselspiel aus laut und leise, schrill und ätherisch, kakophonisch und rhythmisch, heilig, ironisch, nachvollziehbar, experimentell, einem Wirrwarr eigentlich aus allem, was die Stilgeschichte zu bieten hat. Und auch wenn sich kaum je vorhersagen ließ, welche Wendung die Musik nun nehmen würde, im Nachhinein fanden jeder Konter, jeder Bruch und jede Harmonie ihren Platz im Gesamtbild wie das letzte noch fehlende Puzzleteil.
Und Willers wirkte auch, kaum hatte er sich eingespielt, alles andere als allein auf dieser Bühne. Er begann irgendwann mitzuschwingen mit seinem Spiel, konnte sich seiner eigenen Energie nicht mehr entziehen, die wie unsichtbare Ersatzgitarristen im Raum stand, und die Klangbrüche jagten wie leise Stromstöße durch seinen Körper hindurch und schaukelten ihn hin und her.

vim

© Gmünder Tagespost 11.10.2006